Arnon Grünberg war auch schon mal besser. Bissiger, scharfzüngiger, provozierender. Nun schreibt er fast 700 Seiten über Beziehungen, die an der Oberfläche dümpeln. Allen voran der Protagonist, Roland Oberstein, der sich selbst als herausragenden Wissenschaftler sieht und am liebsten sich ganz der Wissenschaft widmen möchte. Ungeachtet dessen häuft er Frauenbekanntschaften an, eine Ex-Frau, eine Freundin, eine Kongressbekanntschaft, eine Affäre und eine Wettfreundin, alle diese Frauen haben auch wieder Männer, Freunde, Bekanntschaften, Affären. Doch nichts geht ans Herz, es sind teflonbeschichtete Figuren, nicht angreifbar, nicht fassbar, nicht entflammbar. "Undurchschaubar bist du, Roland Oberstein", sagt sie. "Undurchschaubar, ein kalter Fisch." Ja, und uninteressant.
Lieber lesen: Phantomschmerz, Blauer Montag, Tirza.
Mittwoch, 3. Oktober 2012
Mittwoch, 12. September 2012
Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky
Zunächst: Judith Schalanskys Bücher sind extrem schön illustriert. Das macht sie selbst. Bekannt geworden ist sie durch das Buch "Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde." Ein Buch, das man wahnsinnig gerne in die Hand nimmt, bestaunt und verschenkt, aber wahrscheinlich nie wirklich liest.
Im Roman "Der Hals der Giraffe" geht es um Inge Lohmark. Sie ist eine alternde, spröde Lehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium in einer Kleinstadt in Vorpommern. Und unter dem Licht der Evolutionstheorie schaut sie sich ihr Leben an. Es gibt vieles, von dem sie nichts hält, unter anderem von Nähe, von Verständnis, von ihrem Mann. Die Tochter ist schon lange in Kalifornien und denkt nicht an die Arterhaltung. „Das tote Ende einer Entwicklung. Aber die Strauße sahen ihre Küken ja auch nie wieder. Im Tierreich kam man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei.“
Ein Bildungsroman, trocken und komisch, ein Muss für alle Lehrerzimmer und Biologen.
Im Roman "Der Hals der Giraffe" geht es um Inge Lohmark. Sie ist eine alternde, spröde Lehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium in einer Kleinstadt in Vorpommern. Und unter dem Licht der Evolutionstheorie schaut sie sich ihr Leben an. Es gibt vieles, von dem sie nichts hält, unter anderem von Nähe, von Verständnis, von ihrem Mann. Die Tochter ist schon lange in Kalifornien und denkt nicht an die Arterhaltung. „Das tote Ende einer Entwicklung. Aber die Strauße sahen ihre Küken ja auch nie wieder. Im Tierreich kam man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei.“
Ein Bildungsroman, trocken und komisch, ein Muss für alle Lehrerzimmer und Biologen.
Montag, 10. September 2012
Fische füttern von Fabio Genovesi
Ein Jungenbuch. Ein Männerbuch. Es geht ums Angeln, Radfahren und das Heranwachsen in einem kleinen Dorf in der toskanischen Provinz.
In Fiorenzos Leben gab es zwei Schicksalsschläge: Der Verlust der rechten Hand beim Werfen eines selbstgebastelten Böllers und der Tod der Mutter. Seither gibt es in seinem Leben nur noch Männer: Sein Vater, ein angefressener Radrennfahrer und Trainer, der sich nicht mehr um den einhändigen Fiorenzo kümmert. Mirko, den Fiorenzos Vater entdeckt hat und den er nun stattdessen trainiert. Fiorenzos Heavy Metal Band, echte Jungs, die auf den Durchbruch warten. Die Rentner des Dorfes. Bis Tiziana in Fiorenzos Leben auftaucht, die nach ihrem Studium voller Idealismus die Jugendinfo des Dorfes übernommen hat. Und der Reigen beginnt.
... Also auch ein Frauenbuch.
In Fiorenzos Leben gab es zwei Schicksalsschläge: Der Verlust der rechten Hand beim Werfen eines selbstgebastelten Böllers und der Tod der Mutter. Seither gibt es in seinem Leben nur noch Männer: Sein Vater, ein angefressener Radrennfahrer und Trainer, der sich nicht mehr um den einhändigen Fiorenzo kümmert. Mirko, den Fiorenzos Vater entdeckt hat und den er nun stattdessen trainiert. Fiorenzos Heavy Metal Band, echte Jungs, die auf den Durchbruch warten. Die Rentner des Dorfes. Bis Tiziana in Fiorenzos Leben auftaucht, die nach ihrem Studium voller Idealismus die Jugendinfo des Dorfes übernommen hat. Und der Reigen beginnt.
... Also auch ein Frauenbuch.
Mittwoch, 27. Juni 2012
Schossgebete von Charlotte Roche
Wer meint, man müsse das Buch vielleicht mal gelesen haben: Nein, man muss nicht!!!
Sonntag, 10. Juni 2012
Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa
Der Roman hat alle Zutaten, um die Kritiker dazu zu bringen, die Autorin als neuen weiblichen Star am Literatenhimmel zu feiern: Migrationshintergrund der Protagonistin und ihrer Freunde, Tablettenmissbrauch, etwas Homosexualität, etwas Prostitution, etwas Kindesmisshandlung, Hoffnungslosigkeit und einen schrägen Titel.
Mascha als Aserbaidschanerin und Jüdin lebt in Deutschland zusammen mit ihrem Freund Elias. Nachdem er an einer Fussballverletzung stirbt (!?) flieht sie nach Israel, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten, doch Elias kann sie nicht vergessen. Sie hat zwei feste Beziehungspunkte, Sami, der in Beirut geborene Araber mit Schweizer Vater, ihr Freund vor Elias, und Cem, der türkisch-deutsche Dolmetscherkollege, ansonsten wirkt Mascha bindungsunfähig, heimatlos und haltlos. Der Roman läuft an vielen Stellen ins Leere und bleibt seelenlos.
Am 28.10.liest Olga Grjasnowa in Zürich:
http://www.zuerich-liest.ch/veranstaltung/olga-grjasnowa--der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/
Mascha als Aserbaidschanerin und Jüdin lebt in Deutschland zusammen mit ihrem Freund Elias. Nachdem er an einer Fussballverletzung stirbt (!?) flieht sie nach Israel, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten, doch Elias kann sie nicht vergessen. Sie hat zwei feste Beziehungspunkte, Sami, der in Beirut geborene Araber mit Schweizer Vater, ihr Freund vor Elias, und Cem, der türkisch-deutsche Dolmetscherkollege, ansonsten wirkt Mascha bindungsunfähig, heimatlos und haltlos. Der Roman läuft an vielen Stellen ins Leere und bleibt seelenlos.
Am 28.10.liest Olga Grjasnowa in Zürich:
http://www.zuerich-liest.ch/veranstaltung/olga-grjasnowa--der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/
Freitag, 9. März 2012
Bessere Zeiten von Susanna Alakoski
Endlich ein fesselnder Schwedenimport, der kein Krimi ist. Leena beschreibt ihre Kindheit als Tochter finnischer Einwanderer - und Alkoholiker. Die Geschichte klingt harmlos, weil sie getragen wird von Leenas unerschütterlichem Optimismus, dass alles gut werden wird. Wie eine Raupe webt sie einen Kokon aus gutem Glauben um die Tragödie, die sich in ihrem Elternhaus abspielt. Sie fühlt sich verantwortlich für ihre Geschwister, weiss aber, dass sie vor allem sich selber retten muss. Zusammen mit ihren Freundinnen, welche alle ähnliche Schwierigkeiten mit ihren Familien haben, gleitet Leena ins Erwachsensein, wo sie endlich für sich selbst verantwortlich sein kann.
Das Buch wurde 2011 verfilmt: http://www.besserezeiten-derfilm.de/
Das Buch wurde 2011 verfilmt: http://www.besserezeiten-derfilm.de/
Montag, 9. Januar 2012
Unterm Scheffel von Maarten 't Hart
Maarten 't Hart hat unbestritten sehr gute Bücher geschrieben, dieses Buch gehört nicht dazu. Ein alternder Held, der sich ein ganzes Buch lang nach einer jungen Schönheit verzehrt, welche Jeans trägt und Red Hot Chili Peppers mag; viel klassische Musik; ein paar Jogger die durchs Wäldchen laufen und schon jubelt die Literaturszene über einen neuen Don Quijote.
Von Maarten 't Hart unbedingt lesen: "Das Wüten der ganzen Welt" und "Ein Schwarm Regenbrachvögel".
Von Maarten 't Hart unbedingt lesen: "Das Wüten der ganzen Welt" und "Ein Schwarm Regenbrachvögel".
Freitag, 6. Januar 2012
Ausgeliehen von Rebecca Makkai
Die Bibliothekarin Lucy Hull, die dem 10-jährigen lesehungrigen Ian normalerweise Bücher ausleiht, leiht sich kurzerhand den Jungen selbst aus. Gemeinsam reisen sie quer durch Amerika bis an die kanadische Grenze. Dieses Road-Book ist gespickt mit Literaturzitaten (die man allerdings zuordnen können muss...), es ist die Geschichte eines kleinen, seltsamen Jungens und seiner strengen Mutter, es ist eine leise Geschichte über das Thema Homosexualität in Amerika, es ist die Reise Lucys, der Tochter russischer Immigranten, durch Amerika zurück in ihre eigene Geschichte und es ist sehr, sehr witzig geschrieben.
Mittwoch, 4. Januar 2012
Der weisse Tiger von Aravind Adiga
Sehr viel gelesen in letzter Zeit aber darüber wenig berichtet...
"Der weisse Tiger" ist "Shantaram" light: Es geht um den -in Indien sehr unwahrscheinlichen- Aufstieg eines Dieners zum Unternehmer, dabei wird schonungslos und komisch über die indische Realität berichtet, über Korruption, Familienzusammenhalt, das Herrenverhalten, das Kastenwesen, die Armut. Das Buch ist in Briefform geschrieben. Sieben Briefe in sieben Nächte, geschrieben an den chinesischen Ministerpräsidenten, der angekündigt hatte, "die Wahrheit über Bangalore" erfahren zu wollen und "den Wunsch geäussert [hatte], indische Unternehmer zu treffen und ihre Erfolgsgeschichten in ihren eigenen Worten zu hören." Und so erfährt der Leser in diesen Briefen diese Version des Aufstiegs und den Preis, den Ashok Sharma (der weisse Tiger) dafür bezahlen musste. Lesenswert.
"Der weisse Tiger" ist "Shantaram" light: Es geht um den -in Indien sehr unwahrscheinlichen- Aufstieg eines Dieners zum Unternehmer, dabei wird schonungslos und komisch über die indische Realität berichtet, über Korruption, Familienzusammenhalt, das Herrenverhalten, das Kastenwesen, die Armut. Das Buch ist in Briefform geschrieben. Sieben Briefe in sieben Nächte, geschrieben an den chinesischen Ministerpräsidenten, der angekündigt hatte, "die Wahrheit über Bangalore" erfahren zu wollen und "den Wunsch geäussert [hatte], indische Unternehmer zu treffen und ihre Erfolgsgeschichten in ihren eigenen Worten zu hören." Und so erfährt der Leser in diesen Briefen diese Version des Aufstiegs und den Preis, den Ashok Sharma (der weisse Tiger) dafür bezahlen musste. Lesenswert.
Montag, 24. Oktober 2011
Eine Frau flieht vor einer Nachricht von David Grossmann
Dieses Buch ist kein Lesestoff, es ist eine Aufgabe. Oras Sohn Ofer zieht in den Libanonkrieg und Ora flieht vor der schlechten Nachricht, vor den Soldaten, die plötzlich bei ihr läuten könnten und die Hiobsbotschaft überbringen könnten. Sie flieht auch vor dem Scherbenhaufen ihrer Familie, vor dem sie mit einem Mal steht. Auf ihrer langen Wanderung mit Avram, einem Freund der Familie, versucht Ora, die Vergangenheit zu analysieren und zu rekonstruieren, jedes Detail ihrer Lebensgeschichte wird ans Licht gezerrt, nochmals aus diesem anderen, neuen Blickwinkel betrachtet, gedreht und gewendet und die beiden versuchen, diese Lebensgeschichte, die gleichzeitig eine unentwirrbare Dreicksgeschichte ist -ihre Geschichte- wieder zusammenzusetzen. Siebenhundertachtundzwanzig Seiten hat dieses Buch, doch keine einzige Seite ist zu viel.
Montag, 5. September 2011
Die erste Liebe von Véronique Olmi
Empfehlenswert, wie überhaupt alle Bücher von Véronique Olmi. Es geht um eine Frau, deren drei Töchter aus dem Haus sind und die sich an ihrem 25. Hochzeitstag, als sie gerade das Abendessen für ihren Mann vorbereitet, Hals über Kopf auf den Weg zu ihrer ersten Liebe Dario macht, der scheinbar mit einer Zeitungsanzeige nach ihr sucht. Schön ist vor allem der erste Teil, in dem sie sich auf die Suche macht nach der verlorenen Zeit, wenn sie ihrer ersten Liebe nachspürt und merkt, dass sie der Massstab war für alle folgenden Lieben, wenn sie sich befreit von ihrer Familie und den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Die Begegnung mit Dario ist dann natürlich anders als erwartet, etwas pathetisch und unglaubwürdig. Trotzdem, die feine Selbstbeobachtung und Analyse der Protagonisin, die Beschreibung der teilweise skurrilen Begegnungen auf dieser Fahrt und der nüchterne Blick auf eine langjährige Ehe machen dieses Buch lesenswert.
Dienstag, 30. August 2011
Der Schwimmer von Zsuzsa Bánk
Zsuzsa Bánks Bücher sind wahre Entschleunigungsbücher, scheinbar passiert nichts, die Figuren warten und beobachten, man braucht viel Geduld mit ihnen, letztendlich kommt dann auch der Tod nicht plötzlich, sondern langsam, auch auf ihn, den Tod, wartet man. Dieses Buch, Zsuzsa Bánks erster Roman, ist im typischen Stil geschrieben, viele Wiederholungen und "Aus-holungen", viele Umschreibungen und Beschreibungen von scheinbar unwichtigen Details.
Die Ich-Erzählerin und ihr Bruder wurden von der Mutter verlassen, welche in den Westen geflüchtet ist und nicht mehr zurückkommt. Der Vater zieht mit den Kindern umher, jeweils zu Verwandten, die sie dulden. Die Versuche der Geschwister, wieder eine kleine Heimat zu finden, sich einzupassen, scheitern an den jähen, vom Vater oder den Gastgebern vorgeschriebenen Abreisen. Eine Jugend, bei der es kein Ankommen gibt und kein Erwachsenwerden, nur ein Abwarten.
Die Ich-Erzählerin und ihr Bruder wurden von der Mutter verlassen, welche in den Westen geflüchtet ist und nicht mehr zurückkommt. Der Vater zieht mit den Kindern umher, jeweils zu Verwandten, die sie dulden. Die Versuche der Geschwister, wieder eine kleine Heimat zu finden, sich einzupassen, scheitern an den jähen, vom Vater oder den Gastgebern vorgeschriebenen Abreisen. Eine Jugend, bei der es kein Ankommen gibt und kein Erwachsenwerden, nur ein Abwarten.
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