Samstag, 16. Juli 2011
Sommer wie Winter von Judith W. Taschler
Ein Krimi und eine Milieustudie, ein Heimat- und ein Familienroman, raffiniert und spannend erzählt bis zum Schluss. Ein Pflegekind wird in eine Gastwirtsfamilie aufgenommen und im Rückblick - in der Form von Therapiegesprächen - wird die Geschichte dieses Kindes erzählt, das nie ganz zur Familie gehört hat und nie wirklich geliebt wurde. Man weiss, dass in der Vergangenheit etwas Schlimmes vorgefallen ist, aber die Auflösung der Geschichte erfährt man (wie bei einem guten Krimi) erst auf den letzten Seiten. Nebenbei erfährt man von der Verwandlung des Dorfes vom Bauerndorf zum Touristenort, den ersten Fremden, die versuchen, im Dorf heimisch zu werden und der Arbeit, die jedes Familienmitglied leisten muss. Also keine Luis Trenker Romantik, sondern eher das herbe Alpenleben, wie wir es uns nicht vorstellen wollen.
Dienstag, 12. Juli 2011
Ada liebt von Nicole Balschun
Ada, die lebensferne Intellektuelle, liebt von ganzem Herzen Bo, den Bauer. Und der lebensnahe Bo liebt von ganzem Herzen die blasse, seltsame Ada. Sie nähern sich an, sie ergänzen sich, sie lernen voneinander und haben eine wunderschöne Zeit zusammen, aber letztendlich sieht Ada keine Zukunft für diese Liebe. Die Sicht des Intellektuellen ist nun mal eine problemorientierte und die Beziehung einer Intellektuellen zu einem naturverbundenen, einfachen und unkomplizierten Mann scheint zum Scheitern verurteilt. "Bo war selbstverständlich, er kam aus den Feldern, er war richtig und hatte seinen Platz in seinem Leben und immer mehr auch in meinem, und er vereinnahmte mich mit dieser Selbstverständlichkeit...".
Montag, 27. Juni 2011
Twitteratur von Alexander Aciman und Emmett Rensin
Zwischen all der Problemliteratur ein kleines Amusement: Weltliteratur in 140 Zeichen. Die zwei Studenten der University of Chicago twittern die Inhalte der schönen Literatur, und das mit viel Liebe zum Detail und auf den Punkt gebracht. "Die Verwandlung" von Franz Kafka wird @bugged-out geschrieben, vierter Eintrag: "Hab mich offenbar in einen grossen Käfer verwandelt. Ist das einem von euch schon mal passiert? Netdoktor.de ist keine Hilfe." Das interessanteste ist das Glossar am Schluss für Oldtimer. FTW.
Montag, 20. Juni 2011
Zaïda von Anne Cuneo
Ein Schmöker für lange Regen- oder leichte Urlaubstage. Die Lebensgeschichte der Romanfigur Zaïda, die dreimal aus Liebe heiratet, sich als eine der ersten Ärztinnen einen Platz erkämpft und sich spät noch zur Psychoanalytikerin ausbildet ist ein perfektes Oma-Tanten-Bekannten Geburtstagsgeschenk. Man liest sich durch ein Jahrhundert mit all seinen Kriegen, seinen Zerstörungen und seinen gesellschaftlichen Normen, den politischen Umwälzungen und Strömungen, man leidet mit der Romanfigur und bewundert ihre Stärke.
Mittwoch, 8. Juni 2011
Im Meer schwimmen Krokodile von Fabio Geda
Eine höchsttraumatische Kindheit, lakonisch und fast fröhlich dahererzählt, immer wieder unterbrochen von kurzen Fragen des Autors, um durch den Interviewcharakter die Leserschaft daran zu erinnern, dass hier eine wahre Geschichte aufgezeichnet wird. Es ist die Lebensgeschichte von Enaiatollah Akbaris, der mit zehn Jahren von seiner Mutter in Quetta, Pakistan, ausgesetzt wird und über den Iran, die Türkei und Griechenland schliesslich nach Italien kommt.
Warum faszinieren uns diese Lebensleidensgeschichten so? Ist es, weil so viel Schweres so leicht daherkommt, dass unser Leichtes, das wir zu tragen haben, nicht mehr erwähnenswert ist? Ist es, dass dieser eine Junge durchgekommen ist und deshalb dieser Eine ein ganz besonderer Mensch sein muss? Ist es das Erschauern vor einer fremden Welt, in der eine Schule geschlossen und der Lehrer erschossen wird, einfach, weil es die Taliban so beschlossen haben? Oder ist es das relativ gute Ende einer langen Odyssee?
Auf jeden Fall fasziniert dieses Buch.
Warum faszinieren uns diese Lebensleidensgeschichten so? Ist es, weil so viel Schweres so leicht daherkommt, dass unser Leichtes, das wir zu tragen haben, nicht mehr erwähnenswert ist? Ist es, dass dieser eine Junge durchgekommen ist und deshalb dieser Eine ein ganz besonderer Mensch sein muss? Ist es das Erschauern vor einer fremden Welt, in der eine Schule geschlossen und der Lehrer erschossen wird, einfach, weil es die Taliban so beschlossen haben? Oder ist es das relativ gute Ende einer langen Odyssee?
Auf jeden Fall fasziniert dieses Buch.
Sonntag, 5. Juni 2011
Der Klang der Fremde von Kim Thúy
Die Kindheit in Vietnam der Protagonistin erfährt eine jähe Zäsur durch die abenteuerlich Flucht der Familie nach Kanada. Durch das Buch versucht die Autorin, die Fäden ihrer eigenen Biografie zusammenzuknüpfen: das Leben in Vietnam als Tochter aus gutem Hause, eingeschlossen hinter hohen Mauern; die Flucht unter hoher Lebensgefahr und das Leben als Flüchtling; und schliesslich das kalte Kanada mit seiner Gastfreundschaft, den wohlmeinenden Menschen und seiner fremden Kultur, welche der Familie eine neue Heimat anbietet. Das Buch ist sehr dicht geschrieben und sehr ausdrucksstark. Ein Bestseller, der es verdient hat!
Sonntag, 29. Mai 2011
Die Zeit der grünen Mandeln von Angelica Ammar
Ein tunesischer Familienvater, der emanzipierter ist als seine Tochter. Eine Tochter, die den Erwartungen des Vaters nicht gewachsen ist und sich, statt sich zu einer aufgeklärten und offenen Erwachsenen zu entwickeln, in einer Welt des Aberglaubens und des Nippes verirrt. Eine Familie, die aus zahlreichen Geschwistern, Tanten, Cousins und Cousinen besteht. Eine Jugend, die der Moderne entgegenblickt, aber doch noch zu stark den Traditionen verhaftet ist. Ein kleines Buch, das sich zu lesen lohnt.
Freitag, 27. Mai 2011
Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk
In diesem Buch wird die Kindheitserinnerung zelebriert, die Leichtigkeit der hellen Tage und die grosse Freundschaft zwischen Aja, Therese und Karl, die -gerade so an der Grenze zum Kitsch- ins Erwachsenenleben gerettet wird. Zsuzsa Bánk hat einen sehr ausschmückenden Stil mit langen Sätzen und vielen Wiederholungen, was zum einen diese besondere Stimmung des Buches erzeugt, aber teilweise auch etwas langatmig ist. Es ist ein Buch der starken Mütter, welche trotz widriger Umstände durch Lügen und nicht-wissen-wollen die heile Welt ihrer Kinder schützen. Diese zweite Wahrheit, die die Protagonisten erst als Erwachsene und die Leser erst am Ende des Buches erfahren, zeigt die grossen Risse der verklärten Zirkusromantik, und trotzdem -oder gerade deshalb- bleibt das schöne Gefühl von Heimat und Zusammenhalt - bei den Romanfiguren und beim Leser.
Wer sich an dem Vornamen Zigi nicht stört, kann dieses Buch lesen.
Wer sich an dem Vornamen Zigi nicht stört, kann dieses Buch lesen.
Donnerstag, 19. Mai 2011
The House of the Mosque von Kader Abdolah
Man muss sich einlassen, auf diese fremde Welt. Auf die Schahs und die Ajatollahs, auf die so ganz andere Einstellung dieser iranischen Familie, auf das langsame Hinplätschern der Geschichte am Anfang mit nur versteckten Andeutungen auf das sich zusammenbrauende Unheil der iranischen Revolution, das sich gegen Ende der Geschichte über die Familie legt. Jeder Charakter hat seinen unverrückbaren Platz in dieser Geschichte, welche, wie auf dem Klappentext zu lesen ist "informs, thrills and moves in equal measure".
Montag, 16. Mai 2011
Stadt der Diebe von David Benioff
Das Buch lebt vom Anders-Sein der Hauptcharaktere: Dem introvertierten, schüchternen Lew und dem fast aberwitzig lebenstüchtigen Kolja. Und obwohl es nicht das Thema ist (das Besorgen von Eiern in Zeiten des Krieges) und sicher nicht die erschreckende Brutalität, welche offensichtlich zum Krieg gehört und immer wieder in die Geschichte der beiden einbricht, zieht einen das Buch sofort in seinen Bann durch die Dreistigkeit und den Humor von Kolja und der verwundert-nachdenklichen Erzählweise Lews.
Bis zum Schluss eines der spannendsten Bücher der letzten Zeit.
Bis zum Schluss eines der spannendsten Bücher der letzten Zeit.
Freitag, 13. Mai 2011
Herzzeit. Briefwechsel. Ingeborg Bachmann und Paul Celan
Obwohl das Buch unter "Sachbuch" einzuordnen ist, gibt es kaum ein Buch, in welchem Worte schöner um eine heimliche Liebe gewunden werden, die Dramatik eines Lebens erschütternder beschrieben ist. Im Briefwechsel von Paul Celan und Ingeborg Bachmann, den beiden bedeutendsten Dichter nach 1945, spiegelt sich das Künstlerleben in der Nachkriegszeit, überschattet von Deportation und Tod der Eltern Celans während des 2. Weltkrieges. Man hört die Stimme Ingeborg Bachmanns, die an Paul Celan glaubt und ihn bedingungslos unterstützt, und Paul Celan, der an sich verzweifelt und am Schluss den Freitod wählt.
Textauszug "Und, Ingeborg, das bisschen Dortgewesensein... Aber (auch hier): in dieser unserer Zeit wird geflogen - warum sollst nicht auch du fliegen, vielleicht erfliegst Du Dir dabei etwas, das ich, der ich nur ein paar gezählte Male hab einen Drachen steigen lassen, gar nicht sehen kann und es erst sehen werde, wenn Du's sichtbar gemacht hast?" ... "Lieber Paul, ich habe den Flug abgesagt.".
Freitag, 6. Mai 2011
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