Sonntag, 6. April 2014

Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza

Wer das Theaterstück "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza gesehen hat (zum Beispiel die Uraufführung am 2. Dezember 2006  im Schauspielhaus Zürich oder die Verfilmung von Roman Polański) erwartet pointierte, scharfe Dialoge, die Beziehungen der Erwachsenen, vor allem Ehen, bis in die letzten Ecken ausleuchten. Und wird nicht enttäuscht werden. "Glücklich die Glücklichen" sind 21 kurze Geschichten von Personen, die durch enge oder lose Beziehungen miteinander verbunden sind. Es werden meist banale Situationen geschildert, im Supermarkt, im Wartezimmer, beim Einkaufen, doch durch die Dialoge und Beobachtungen wird das ganze Innenleben der Figuren schonungslos aufgedeckt.

"Und warum nur denke ich in dem Moment, als ich das sage, an die Hutners, ein befreundetes Paar, das sich, koste es, was es wolle, im ehelichen Wohlergehen eingerichtet hat, sie nennen einander neuerdings "mein Herz" und sagen Sätze à la "Heute Abend essen wir was Schönes, mein Herz". Ich weiss nicht, warum mir die Hutners einfallen, wo mich gerade ein ganz entgegengesetzter Zorn erfüllt, aber vielleicht besteht gar kein so grosser Unterschied zwischen Heute Abend essen wir was Schönes, mein Herz und Ich zähle bis drei, Odile, in beiden Fällen liegt eine Art Wesensverengung vor, damit man die Zweisamkeit erträgt, eine natürlichere Harmonie kann es nicht geben als in dem Essen wir was Schönes, mein Herz...."

Sonntag, 23. März 2014

Sterben von Karl Ove Knausgård

Die Kinder amüsieren sich ja immer über die Buchtitel der Bücher, die ich lese. "Das Zimmer" (Andreas Maier) oder "Der Hals der Giraffe" (Judith Schalanski), nun also: "Sterben". "Sterben" ist mit fast 600 Seiten der erste Teil des sechsteiligen Romanprojekts "min Kamp", in welchem Karl Ove Knausgård obsessiv deskriptiv sein männliches Leben ausbreitet. In diesem ersten Teil stirbt der übermächtige Vater. Das ganze Buch dreht sich um das schwierige Verhältnis zum und um die Belastung durch diesen autoritären Vater, aber man dringt nur sehr sporadisch zum eigentlichen psychologischen Kern dieses Hasses vor. Mutter, Schwester und Ehefrauen bleiben Randfiguren.
Das Romanprojekt ist in Schweden sehr erfolgreich, wegen der "radikalen Authentizität", aber, nun ja, schonungslos eine Menge meist banaler Details aus seinem Leben zu veröffentlichen, ist das schon Literatur?

Sonntag, 9. März 2014

Eine Nacht, Markowitz von Ayelet Gundar-Goshen

"Manchmal ist das Merkwürdigste an einem Buch die Frage, warum es geschrieben wurde" - die FAZ Rezension beschreibt den Roman treffend. In dem Roman "Eine Nacht, Markowitz" geht es um die Ehe und um den Krieg und um den Krieg in der Ehe. Die Ehe des Protagonisten gleicht einer Belagerung (Jakob Markowitz und Bella), die Ehe seines besten Freundes, dem lebensfreudigen Schnauzbarts, ist eine leidenschaftliche Schlacht und endet fast durch eine Kriegserinnerung (Seev Feinberg und Sonia). Viele Ehen werden durch die während der Shoa nach Europa Gesandten  geschlossen und gleich wieder geschieden.
Die Figuren bleiben den ihnen zugeschriebenen Bildern treu und zeigen kein Innenleben, die Dramen, die sich ereignen, berühren dadurch nicht. Wie es in der FAZ Rezension beschrieben wird: "Nein, das ist kein richtig schlechtes Buch, es hat zwar manche Längen und eine schauerlich unbalancierte Dramaturgie, ist aber oft rührend, bildhaft und auf altmodische Weise poetisch."
Leseempfehlung: Kann man lesen, muss man nicht.

Montag, 3. März 2014

Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf

Dem inneren Verfall, dem Orientierungsverlust, der Epilepsie und der Depersonalisation, durch das wachsende Glioblastom stetig fortschreitend, stellt Wolfgang Herrndorf eine äussere Ordnung -Arbeit und Struktur- entgegen. Skeptisch, ob ein als Buch gedruckter Blog funktioniert, musste ich feststellen, dass es, nein, nicht die Sensationslust ist, die einen fesselt, sondern Herrndrofs nüchtern-lakonische Beschreibung seiner Krankheit, seiner Ausfälle, seiner Todesnähe und trotzdem der unendlichen Sehnsucht nach dem Leben und ja, es funktioniert nicht nur, es ist schöne! Literatur!

20.12.2011 13:36
...Das Gefasel von der Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses und der Unzulänglichkeit der Sprache spare ich mir, allein der berufsbedingt ununterdrückbare Impuls, dem Leben wie einem Roman zu Leibe zu rücken, die sich im Akt des Schreibens immer wieder einstellende, das Weiterleben enorm erleichternde, falsche und nur im Text richtige Vorstellung, die Fäden in der Hand zu halten und das seit langem bekannte un im Kopf ständig schon vor- und ausformulierte Ende selbst bestimmen und den tragischen Helden mit wohlgesetzten, naturnotwendigen, fröhlichen Worten in den Abgrund stürzen zu dürfen wie gewohnt -

Wer den Blog lesen möchte, beginnt hier:
http://www.wolfgang-herrndorf.de/2010/04/daemmerung/

Montag, 27. Januar 2014

Liebe und andere Parasiten von James Meek

Ich bin etwas ratlos: Begeisterte Kritiken von der FAZ (James Meek hat einen rasanten, zeitgenössisch moralischen Roman geschrieben, in dem Betrug und Liebe zwei konkurrierende Impfstoffe gegen die Sterblichkeit sind; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/james-meek-liebe-und-andere-parasiten-wenn-unsere-e-mail-postfaecher-alle-kontakte-versenden-12550448.html) und der Zeit (Der britische Journalist stellt die großen Fragen nach Richtig und Falsch und nach Schuld und Sühne; http://www.zeit.de/angebote/buchtipp/meek/index), ich hingegen fand den Roman zu dick aufgetragen und zu ausschweifend erzählt.
Kurz: Der alternde Rockstar Ritchie Shepherd ist reich und erfolgreich und hat eine Affäre mit einer Minderjährigen, trotzdem, seine Familie ist ihm natürlich wahnsinnig wichtig und falsch findet er diese Beziehung auch nicht. Seine Schwester ist eine idealistische und erfolgreiche Wissenschaftlerin und meistens moralisch integer. Die grosse Frage nach Schuld und Sühne kommt durch die "Moral Foundation", eine Art Facebook für Sittenwächter unter der Leitung des Journalisten Val (früherer Geliebter von Ritchies Schwester). Verfehlungen von Prominenten werden ins Internet gestellt und publik gemacht. Zuvor werden die Betroffenen jedoch darüber informiert und ihnen wird die Gelegenheit gegeben, jemand anderen zu denunzieren, um die eigene Haut zu retten.
Etwas konstruiert das Ganze, oder, wie die Zeit schreibt: Die Mediensatire entwickelt sich zu einem Sittengemälde unserer Zeit.

Sonntag, 12. Januar 2014

Wir Tiere von Justin Torres

Atemlos und unerbittlich geschrieben, kann man sich dem Sog des Buches kaum entziehen, sobald man zu lesen begonnen hat. Es ist die Geschichte dreier Brüder aus Brooklyn, die mit ihrer weissen Mutter und ihrem Vater aus Puerto Rico in armen und instabilen Verhältnissen aufwachsen, die Eltern sind kaum älter als ihre Kinder. Es ist die Geschichte des ungestümen, wilden Erwachsenwerdens, des unbedingten Zusammenhalts der Brüder und der Liebe innerhalb einer Familie, trotz des Anderssein innerhalb des Gleichseins. Doch die Fragilität dieses Familienkonstrukts zeigt sich, als der Protagonist fällt und die Familie ihm kein Netz spannen kann, um ihn aufzufangen.
"Justin Torres - eine brillante, wilde, neue Stimme" Michael Cunningham

Montag, 18. November 2013

Vogelweide von Uwe Timm

"Sie sagte, ich bin für die Nachhaltigkeit in den Gefühlen."
"Aber man kann nicht ein klein wenig korrigieren. Man muss dann einen Schnitt machen."

Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Eschenbach und Selma, Anna und Ewald sind zwei befreundete Paare, bis sich zuerst Eschenbach in Anna und dann Ewald in Selma verliebt. Es geht schief, Eschenbach verliert alles, Freundin, Geliebte, Wohnung und Geschäft und wird Vogelwart auf einer einsamen Insel. Trotz dieser Dramatik ist es ein sehr leises Buch, das behutsam und beobachtend in der Sprache der Altersweisheit erzählt wird. Nur manchmal schweift die Erzählung ab in eine intellektuelle Altherrengeschwätzigkeit, aber das immer nur ein paar Seiten. Nicht umsonst war das Buch 2013 auf der Longlistdes Deutschen Buchpreises.

Lean in von Sheryl Sandberg

Auf dieses Buch musste ich lange warten, da es in der Bibliothek immer schon ausgeliehen war, aber es war dann doch eher eine Enttäuschung. Es gibt ein paar Denkanstösse, das ja, aber ansonsten ist es eine vage Mischung zwischen einer Analyse, bei welcher ab und an ein paar Genderstudien zitiert werden und vor allem einer Autobiographie, in dem die Autorin sehr darauf bedacht ist, sich bei allen artig zu bedanken. Die Danksagung ist dann auch entsprechend 10 Seiten lang, trotz der 240 Seiten Danksagung davor. Also ein nettes Buch, integrierend, aber weit weg von kämpferischem Feminismus. Aber vielleicht ist der ja auch heute nicht mehr nötig. Oder er ist nicht nötig, wenn man einen Ehemann hat "der alles möglich macht" (die Widmung des Buches).

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Warum glücklich statt einfach nur normal? von Jeanette Winterson

Lieber Nachbar Oli, bevor du meinen Blog löschst, hier nach langer Pause das beste Buch des Sommers: "Warum glücklich statt einfach nur normal?" ist die intellektuelle Version des Buches: "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche". Jeannette Winterson erzählt autobiographisch über ihre Kindheit als Adoptivtochter der religiös besessenen "Frau Winterson". Das Buch erzählt von den endlosen Stunden der Protagonistin eingeschlossen im Kohlekeller und ausgeschlossen auf der Haustreppe. Es erzählt aber auch von der Suche nach der leiblichen Mutter und der Aussöhnung mit der eigenen Geschichte. Das Buch, aussergewöhnlich reflektiert und mit fantastischem Sprachwitz, legt man ungern aus der Hand, bevor man es nicht ausgelesen hat.

Donnerstag, 28. Februar 2013

Überlebensgross von Mark Watson

Endlich mal wieder ein Buch, das chronologisch durcherzählt wird, von der Kindheit an, über die Ehe, bis zum Tod. Ein richtiger Schmöker also. Es geht um die grosse Liebe und das kleine Leben, es geht um die überlebensgrosse Schwester Victoria, angehimmelt vom kleinen Bruder Dominic, und es geht um ihre Familie, in der nicht viel geredet wird, in der aber dann viel Verborgenes doch noch ans Licht kommt.
Dominic Kitchen ist ein Hochzeitsfotograf, der jedes Wochenende den vermeintlich glücklichsten Augenblick eines Paares festhält, der aber gleichzeitig sein eigenes Glück allzu leichtfertig aufs Spiel setzt. Victoria wird die unglückliche Frau eines berühmten Cricketspielers. Die Beziehung der zwei Geschwister ist verstörend eng und erst am Ende finden die zwei einen Weg, damit umzugehen.

Sonntag, 20. Januar 2013

Die Liebe in groben Zügen von Bodo Kirchhoff

670 Seiten Bodo Kirchhoff - und der Gedanke, dass er sich auch kürzer hätte fassen können.
Das Buch handelt von einem älteren Ehepaar mit gehobenem Lebensstil (Wohnung in Frankfurt und Haus am See in Italien) und Kosenamen, mit einem stabilen Freundeskreis, regelmässigen Essenseinladungen, einer verwöhnten Tochter und hin und wieder einer Affäre. Beide, Renz und Vila, begegnen nun der Liebe ausserhalb der Ehe noch einmal in ihrem vollen Ernst: Renz' Liebe stirbt an Krebs, Vila möchte für Bühl ihren Mann, Renz, verlassen. Parallel dazu erzählt Bodo Kirchhoff die Geschichte des heiligen Franz von Assisi und seiner Klara: Eine übermenschliche, spirituelle Liebe.
Vor diesem Hintergrund wird die Ehe betrachtet, seziert und demontiert und zeigt sich am Ende dann doch als sehr stabiles Gebilde, als Haus mit Keller und festen Mauern, das auch nach dem letzten grossen Sturm nicht zusammenfällt.
Sehr pointiert geschrieben von Kirchhoff mit sehr viel Altersweisheit, sehr intelligent und sehr witzig, und doch lebt das Buch nicht, es reisst nicht mit, so dass die 670 Seiten teilweise zur rechten Herausforderung werden.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Eskimo Limon 9 von Sarah Diehl

Eine jüdische Familie, Vater, Mutter und der elfjährige Sohn ziehen von Tel Aviv in die hessische Provinz, nach Niederbrechen. Der recht unbeholfene Umgang der Dorfbewohner mit den Zuzügern und der genauso unbeholfene Umgang der Familie mit den Dorfbewohnern wird von den Kritikern als "Culture-Clash der besonderen Art" gefeiert. Die Frau, Ziggy, setzt sich dann auch intensiv und sehr theoretisch mit ihrer Situation und beiden Kulturen auseinander, Mann und Sohn bleiben jedoch Nebenfiguren. Die Beziehung innerhalb der Familie wird nicht ausgeleuchtet, auch die Beziehung Ziggys zu einem aufgeschlossenen Rentner des Dorfes bleibt innerhalb des theoretischen Diskurs und dadurch seltsam emotionslos. Nach 315 Seiten intellektuell hochgehaltener Hausfrauenlangeweile trennt sich Ziggy von ihrem Mann und ihrer neuen Heimat und geht zurück nach Israel.

Es gibt zu diesem Buch auch andere Stimmen, der Spiegel zum Beispiel ist sehr entzückt: Sarah Diehl (hat) einen entzückenden, popkulturell versierten Roman über Identitäten und Heimweh geschrieben. Weil (sie) auch eine gute Erzählerin ist, kommen in dieser Geschichte keine theoretischen Einordnungen, sondern Bienenstich und Sid Vicious vor... Denn das ist das entzückendste an diesem Roman: Diehls Faible für Populär- und Alltagskultur, das schon im Titel anklingt.

Eine Preisfrage zum Schluss: Was bedeutet Eskimo Limon?