Mittwoch, 8. Juni 2011

Im Meer schwimmen Krokodile von Fabio Geda

Eine höchsttraumatische Kindheit, lakonisch und fast fröhlich dahererzählt, immer wieder unterbrochen von kurzen Fragen des Autors, um durch den Interviewcharakter die Leserschaft daran zu erinnern, dass hier eine wahre Geschichte aufgezeichnet wird. Es ist die Lebensgeschichte von Enaiatollah Akbaris, der mit zehn Jahren von seiner Mutter in Quetta, Pakistan, ausgesetzt wird und über den Iran, die Türkei und Griechenland schliesslich nach Italien kommt.
Warum faszinieren uns diese Lebensleidensgeschichten so? Ist es, weil so viel Schweres so leicht daherkommt, dass unser Leichtes, das wir zu tragen haben, nicht mehr erwähnenswert ist? Ist es, dass dieser eine Junge durchgekommen ist und deshalb dieser Eine ein ganz besonderer Mensch sein muss? Ist es das Erschauern vor einer fremden Welt, in der eine Schule geschlossen und der Lehrer erschossen wird, einfach, weil es die Taliban so beschlossen haben? Oder ist es das relativ gute Ende einer langen Odyssee?
Auf jeden Fall fasziniert dieses Buch.

Sonntag, 5. Juni 2011

Der Klang der Fremde von Kim Thúy

Die Kindheit in Vietnam der Protagonistin erfährt eine jähe Zäsur durch die abenteuerlich Flucht der Familie nach Kanada. Durch das Buch versucht die Autorin, die Fäden ihrer eigenen Biografie zusammenzuknüpfen: das Leben in Vietnam als Tochter aus gutem Hause, eingeschlossen hinter hohen Mauern; die Flucht unter hoher Lebensgefahr und das Leben als Flüchtling; und schliesslich das kalte Kanada mit seiner Gastfreundschaft, den wohlmeinenden Menschen und seiner fremden Kultur, welche der Familie eine neue Heimat anbietet. Das Buch ist sehr dicht geschrieben und sehr ausdrucksstark. Ein Bestseller, der es verdient hat!

Sonntag, 29. Mai 2011

Die Zeit der grünen Mandeln von Angelica Ammar

Ein tunesischer Familienvater, der emanzipierter ist als seine Tochter. Eine Tochter, die den Erwartungen des Vaters nicht gewachsen ist und sich, statt sich zu einer aufgeklärten und offenen Erwachsenen zu entwickeln, in einer Welt des Aberglaubens und des Nippes verirrt. Eine Familie, die aus zahlreichen Geschwistern, Tanten, Cousins und Cousinen besteht. Eine Jugend, die der Moderne entgegenblickt, aber doch noch zu stark den Traditionen verhaftet ist. Ein kleines Buch, das sich zu lesen lohnt.

Freitag, 27. Mai 2011

Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk

In diesem Buch wird die Kindheitserinnerung zelebriert, die Leichtigkeit der hellen Tage und die grosse Freundschaft zwischen Aja, Therese und Karl, die -gerade so an der Grenze zum Kitsch- ins Erwachsenenleben gerettet wird. Zsuzsa Bánk hat einen sehr ausschmückenden Stil mit langen Sätzen und vielen Wiederholungen, was zum einen diese besondere Stimmung des Buches erzeugt, aber teilweise auch etwas langatmig ist. Es ist ein Buch der starken Mütter, welche trotz widriger Umstände durch Lügen und nicht-wissen-wollen die heile Welt ihrer Kinder schützen. Diese zweite Wahrheit, die die Protagonisten erst als Erwachsene und die Leser erst am Ende des Buches erfahren,  zeigt die grossen Risse der verklärten Zirkusromantik, und trotzdem -oder gerade deshalb- bleibt das schöne Gefühl von Heimat und Zusammenhalt - bei den Romanfiguren und beim Leser.
Wer sich an dem Vornamen Zigi nicht stört, kann dieses Buch lesen.

Donnerstag, 19. Mai 2011

The House of the Mosque von Kader Abdolah

Man muss sich einlassen, auf diese fremde Welt. Auf die Schahs und die Ajatollahs, auf die so ganz andere Einstellung dieser iranischen Familie, auf das langsame Hinplätschern der Geschichte am Anfang mit nur versteckten Andeutungen auf das sich zusammenbrauende Unheil der iranischen Revolution, das sich gegen Ende der Geschichte über die Familie legt. Jeder Charakter hat seinen unverrückbaren Platz in dieser Geschichte, welche, wie auf dem Klappentext zu lesen ist "informs, thrills and moves in equal measure".

Montag, 16. Mai 2011

Stadt der Diebe von David Benioff

Das Buch lebt vom Anders-Sein der Hauptcharaktere: Dem introvertierten, schüchternen Lew und dem fast aberwitzig lebenstüchtigen Kolja. Und obwohl es nicht das Thema ist (das Besorgen von Eiern in Zeiten des Krieges) und sicher nicht die erschreckende Brutalität, welche offensichtlich zum Krieg gehört und immer wieder in die Geschichte der beiden einbricht, zieht einen das Buch sofort in seinen Bann durch die Dreistigkeit und den Humor von Kolja und der verwundert-nachdenklichen Erzählweise Lews.
Bis zum Schluss eines der spannendsten Bücher der letzten Zeit.

Freitag, 13. Mai 2011

Herzzeit. Briefwechsel. Ingeborg Bachmann und Paul Celan


Obwohl das Buch unter "Sachbuch" einzuordnen ist, gibt es kaum ein Buch, in welchem Worte schöner um eine heimliche Liebe gewunden werden, die Dramatik eines Lebens erschütternder beschrieben ist. Im Briefwechsel von Paul Celan und Ingeborg Bachmann, den beiden bedeutendsten Dichter nach 1945, spiegelt sich das Künstlerleben in der Nachkriegszeit, überschattet von Deportation und Tod der Eltern Celans während des 2. Weltkrieges. Man hört die Stimme Ingeborg Bachmanns, die an Paul Celan glaubt und ihn bedingungslos unterstützt, und Paul Celan, der an sich verzweifelt und am Schluss den Freitod wählt.
Textauszug "Und, Ingeborg, das bisschen Dortgewesensein... Aber (auch hier): in dieser unserer Zeit wird geflogen - warum sollst nicht auch du fliegen, vielleicht erfliegst Du Dir dabei etwas, das ich, der ich nur ein paar gezählte Male hab einen Drachen steigen lassen, gar nicht sehen kann und es erst sehen werde, wenn Du's sichtbar gemacht hast?" ... "Lieber Paul, ich habe den Flug abgesagt.".

Mittwoch, 4. Mai 2011

Das Schönste, was ich sah von Asta Scheib

Meine längere Blogpause hing zusammen mit den Büchern, die ich gelesen habe, aber nicht wirklich erwähnenswert fand. Und ich bin mal wieder an Paul Auster gescheitert, dieses Mal schon auf Seite 10.
Die Biografie von Asta Scheib über Giovanni Segantini und seine Frau Luigia Bugatti ist jedoch lesenswert, allein schon wegen des Klappentexts: "Er malte sie, als sie fast noch ein Kind war. Er liebte sie, solange er lebte." Auch wenn man den Maler bisher nicht kannte (obwohl man ihn kennen sollte, zumindest hier in der Schweiz...) wird man durch das Buch neugierig auf sein Werk. Ein sehr interessantes Buch, allerdings erreicht es nicht das Niveau von Irving Stone: "Michelangelo", eine der besten und fesselndsten Künstlerbiografien, die je geschrieben wurden.

Donnerstag, 14. April 2011

Hinter dem Bahnhof von Arno Camenisch


Endlich: ein kleiner, funkelnder Juwel in der Schweizer Literaturszene! Prosaisch ist der Titel (Hinter dem Bahnhof), unspektakulär ist die Geschichte - und doch  steckt das kleine Büchlein voller Sprachpoesie und einer ganz eigenen Melodie durch die gekonnt eingesetzten rätoromanischen Mundarteinsprengsel. 
Das Buch beschreibt die Jugend zweier Brüder in einem Bergdorf, es erzählt vom Familienleben, von Geburt und Tod, den Dorfbewohnern, dem langen Winter, und wenn es weh tut, geht man zu Fraurorer. "Sie ist Samariter und malt mir mein Knie rot an, tut Flasters drauf mit Bildern oder macht Verbans. Kusch mora wider und denn luagamer, gell, Schätzli...Mein Mutter bringt ihr dann Kirschen aus dem Garten".

Samstag, 9. April 2011

Es geht uns gut von Arno Geiger

"Es geht uns gut" ist nicht ganz so gut wie es von den Kritikern belobt wurde (Deutscher Buchpreis für Arno Geiger). Auch hier wird eine Familie über drei Generationen portraitiert, doch ist Arno Geiger - quasi als österreichischer Jonathan Franzen- etwas langatmiger, etwas zusammenhangsloser, und auch etwas hoffnungsloser als Franzen. Das Buch ist nicht schlecht, aber etwas zäh. Da ist "Alles über Sally", ebenfalls von Geiger, unterhaltsamer zu lesen- zumindest für die Leserin als Frau in den "besten Jahren".

Montag, 4. April 2011

Wörterbücher (für Liebende)

Nach dem fulminanten Kick-off meines Blogs ; ) geht es unbeirrt weiter: Dieses Mal mit gleich zwei Wörterbücher für Liebende:
Xiaolu Guo: A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers (deutscher Titel: Kleines Wörterbuch für Liebende) und David Levithan: The Lover's Dictionary (deutscher Titel: Das Wörterbuch der Liebenden). Beide erzählen anhand von (zufällig) ausgewählten Stichwörtern über Momentaufnahmen der Liebe.
Die Ich-Erzählerin bei Xiaolu Guo beschreibt -im holprigen und sehr amüsanten Sprachstil einer Chinesin, welche für einen Sprachkurs nach England gekommen ist- ihr grosses Staunen über die Europäer und ihre Lebensweise, und noch erstaunter schreibt sie über die grosse Liebe, welche sie in England findet -und auch wieder verliert. 
David Levithans Wörterbuch ist noch dichter gepackt, seine Stichwörter sind nach eigenen Aussagen zufällig ausgesucht und einer Liebesbeziehung zugeordnet. Noch selten wurde so kurz und intensiv -aber so schön!- über die Liebe und ihre Flüchtigkeit geschrieben.